Leitfaden für Gleichberechtigung und Diversität
Wie wir mit Bildsprache, Stereotypen, Kritik und unserem eigenen Lernprozess umgehen.
Vorwort
Meditricks ist ein Medium, das lautmalerische und bildhafte Repräsentationen mit Fakten verknüpft. Ziel ist, dadurch Merkhilfen für medizinische Inhalte zu schaffen. Wir sind ein Team mit unterschiedlichen Hintergründen und versuchen, für eine möglichst breite Nutzerschaft Assoziationen zu finden, die beim Lernen helfen.
Uns ist bewusst, dass wir eine ausdrucksstarke Bildsprache benutzen. Unsere Bilder können sehr unterschiedlich interpretiert werden, abhängig davon, aus welcher Perspektive man auf sie schaut.
Ziele
Das primäre Ziel von Meditricks ist, mit starken Assoziationen das Lernen medizinischer Inhalte und damit die medizinische Versorgung von Patientinnen und Patienten zu verbessern.
Gleichzeitig ist es unser Ziel, in den Szenen von Meditricks Diversität und Gleichberechtigung abzubilden. Das heißt auch, dass wir keine Benachteiligung von Einzelpersonen oder Gruppen in unseren Bildern erzeugen wollen. Wir glauben, dass Diversität und Gleichberechtigung nicht nur die Menschheit bereichern, sondern auch unsere Meditricks: in ihrer Menschlichkeit und Effektivität.
Uns ist die Macht der Bildsprache bewusst. Deshalb nutzen wir sie auch, um Stereotypen in unserer Gesellschaft auf den Kopf zu stellen. Die Lernmethode funktioniert aber umso besser, je bekannter die Assoziationen sind. Daher benutzen wir häufig Archetypen und Stereotypen. Menschenfeindliche Stereotypen vermeiden wir.
Uns ist klar, dass uns das nicht jedes Mal gelingt, obwohl wir kritisch mit dem Thema umgehen. Mut- oder böswillig ist ein verletzender Einsatz von Stereotypen nicht. Wir verstehen unser Bemühen um eine nicht-diskriminierende Darstellung als dynamischen Lernprozess.
Sollte uns auffallen, dass wir unser Ziel verfehlt haben, möchten wir Inhalte prüfen und verbessern. In den folgenden Abschnitten zeigen wir, wie wir arbeiten und wie Kritik in unsere Routinen einfließt.
Umgang mit Kritik
Austausch mit dem Gleichstellungsbüro Freiburg
Im Juni 2019 wurden wir vom Gleichstellungsbüro Freiburg zu einem Austausch über das Thema eingeladen. Wir haben seitdem von diesem Gespräch, weiteren Impulsen und bereitgestellten Leitfäden profitiert und versuchen, möglichst viel davon in Meditricks umzusetzen.
Wir bemühen uns, uns zu Gleichstellung und Diversität weiterzubilden und danken dem Gleichstellungsbüro Freiburg und Dr. med. Regina Herzog für den Austausch und viele hilfreiche Impulse.
Rückmeldungen aus der Nutzerschaft
Rückmeldung von außen wird bei uns anonymisiert mit dem Team geteilt.
Wir sind bemüht, auf Kritik individuell zu antworten. Aufgrund unserer Größe und der verschiedenen Tätigkeiten im Team gelingt das nicht immer sofort. Bevor Kritik geäußert wird, freuen wir uns, wenn dieser Leitfaden gelesen wird, damit besser nachvollziehbar ist, wie wir handeln und warum.
Unser Team arbeitet verstreut in Deutschland und dem Rest der Welt. An uns herangetragene Rückmeldung wird anonymisiert im Team geteilt. Bei unseren regelmäßigen Teamtreffen nutzen wir die Gelegenheit, rückgemeldete Aspekte und weitere Beobachtungen zu diskutieren.
Feedback: Wenn Dir diskriminierende oder verletzende Inhalte auffallen, schreib uns bitte an kontakt@meditricks.de.
Umgang mit Sprache
Sprache prägt unser Denken und unser Weltbild.
„Ein Arzt kommt durch die Tür.“ Denkst Du hierbei an eine Frau oder einen Mann? Es gibt verschiedene Ansätze, um Diskriminierung in der Sprache zu verhindern. Vor allem in Bezug auf Geschlecht haben sich viele Formen des Genderns etabliert. Wir haben uns im Team dafür entschieden, in unseren Texten wenn möglich Partizipien zu verwenden und, wenn nicht anders möglich, zwischen weiblichen und männlichen Formen zu wechseln, sofern das Geschlecht nicht durch Figuren oder Assoziationen bereits definiert ist.
Umgang mit Stereotypen
Meditricks arbeitet mit stereotypen Darstellungen, um Fakten langfristig im Gedächtnis zu verankern. Wir glauben an einen spielerischen Umgang mit Stereotypen, der sensibilisiert und Aufmerksamkeit schafft.
Unsere Wort- und Bildassoziationen basieren primär auf lautmalerischen und inhaltlichen Analogien zwischen Fakten und ihren Repräsentationen, etwa Campylobacter und einem campenden Bäcker. Vielfach arbeiten wir mit Archetypen, zum Beispiel aus Märchen. Wir verfassen stereotype Repräsentationen nie mit diskriminierender Absicht.
Stereotypen bedienen das Gedächtnis, weil sie vielfach angelegt sind und einen hohen Wiedererkennungswert haben. Unsere Technik vernetzt neues Wissen mit Bekanntem. Im Hinblick auf Stereotypen bedeutet das aber nicht, dass wir sie stereotypisch bestätigen müssen. Wir können sie bewusst umdrehen. Dieser Aha-Moment kann Lernen fördern und zugleich helfen, über gängige Stereotypen nachzudenken.
Bildsprache prüfen
Durch bewusste Sensibilisierung schaffen wir eine Arbeitshaltung, die sich mit unseren Werten deckt.
Die Erstellung unserer Meditricks verlangt viele Fertigkeiten: ein Gespür für gute Geschichten, die Auswahl allgemeinverständlicher Assoziationen und viele Arbeitsschritte von Recherche bis Video. Eine nicht-diskriminierende Bildsprache gehört für uns genauso dazu.
Wir haben mehrere Kontrollmechanismen, die unserem Ziel dienen, Diversität und Gleichberechtigung abzubilden:
- eine obligatorische Stereotypen- und Diversitäts-Checkliste im Ideenprozess
- gegenseitiges Feedback zwischen Recherche und Ideengebung
- Feedback bei Illustrationen
- Feedback im Audio- und Videoprozess
- Rückmeldungen durch unsere Nutzerschaft
Checkliste im Ideenprozess
Die Ideengebung ist der kreative Prozess, in dem recherchierte Fakten mit Figuren, Objekten und einer Geschichte verbunden werden. Am Ende nutzen wir eine Checkliste, damit kein wichtiger Schritt vergessen wird. Dazu gehört auch die Prüfung auf diskriminierende Inhalte und die Reflexion von Geschlechterrollen, sofern diese nicht durch die Fakten selbst vorgegeben sind.
Feedback im Ideenprozess
Die Recherche wird in der Regel von einer Person durchgeführt. Die Ideengebung wird ebenfalls hauptsächlich von einer Person verantwortet, erhält aber Rückmeldung von weiteren Teammitgliedern. So schauen mehrere Menschen auf Geschichte, Assoziationen und Bildentwurf.
Feedback bei Illustrationen
Unsere Illustrationen entstehen aus konkreten Vorgaben und künstlerischer Freiheit. Unsere zeichnenden und illustrierenden Teammitglieder haben unterschiedliche kulturelle Hintergründe und bringen eigene Perspektiven ein. Diese Vielfalt möchten wir im Sinne künstlerischer Freiheit erhalten; zugleich sind alle in den Diskussionsprozess um eine nicht-diskriminierende Bildsprache eingebunden.
Audio und Video
Zu den fertigen Merkbildern verfassen wir Sprechertexte. Auch hier gibt es mehrere Feedback-Möglichkeiten: Sprecherinnen und Sprecher lesen Texte gegen, der Audioschnitt kann kritische Passagen rückmelden, ebenso der Videoschnitt. Trotzdem können Fehler passieren. Auch hier bitten wir um Rückmeldung.
Nutzerschaft
Ein wichtiges Instrument für nicht-diskriminierende Bildsprache ist unsere Nutzerschaft. Trotz Feedback-Schleifen und sensibilisiertem Team kann es passieren, dass einzelne Meditricks Inhalte enthalten, die Lernende verletzen. Wenn diese Inhalte nicht mit unseren Werten übereinstimmen, bemühen wir uns, sie zeitnah zu ändern.
Beispiele
Einige unserer Merkbilder nutzen Darstellungen oder Stereotypen, die zunächst diskriminierend wirken können. Die folgenden Beispiele erklären, wie wir solche Szenen einordnen.
Systemischer Lupus erythematodes
Der Meditrick besteht aus zwei Teilen, deren Geschichte im Kontext beider Teile zu sehen ist. Lupus ist eine durch Immunkomplexe vermittelte Erkrankung, die häufiger bei afroamerikanischen Personen vorkommt, Gelenkschmerzen verursachen kann und mit Autoantikörpern wie ANA einhergeht. Unser Ziel war, diese Fakten in eine einprägsame Geschichte zu verpacken.
Der erste Teil spielt auf dem „Acker einer Ananasplantage französischer Großgrundbesitzer“. Der Acker steht für ACR-Kriterien, die Ananasplantage für ANA, die französische Flagge für das Raynaud-Phänomen. Der historische Kontext der Sklaverei wird dabei weder verherrlicht noch verleugnet, sondern als Rahmenhandlung genutzt, um medizinische Fakten zu erinnern.
Im zweiten Teil brechen wir bewusst aus diesem historischen Kontext heraus: Lupina protestiert gegen Folgen von Sklaverei und Ausbeutung. Damit soll die Szene die historische Dimension nicht relativieren, sondern sichtbar als negativ markieren.
Leishmaniose
Das Szenario zum Merkbild Leishmaniose spielt auf einem Basar in Aleppo, in einer vergangenen Zeit. Dort treffen einheimische arme Menschen, eine Touristin aus Brasilien und ein Major aufeinander. Im Text wurde früher von der „Entdeckung Amerikas“ gesprochen. Diese Terminologie haben wir aus dem Video entfernt, weil sie eurozentristisch ist.
Wir erachten die Darstellung des Kontrastes zwischen Arm und Reich sowie „alter“ und „neuer Welt“ als zweckmäßig gebunden: Die Leishmaniose zählt zu den vernachlässigten Erkrankungen und betrifft häufig besonders arme Menschen. Die Darstellung soll nicht diskriminieren, sondern medizinische und epidemiologische Fakten vermitteln.
Für uns ist das Bild eine Möglichkeit, Wissen über eine Erkrankung zu vermitteln, die im Studium oft wenig Raum bekommt. Wir sehen unser Merkbild als Chance, mehr über diese vernachlässigte Erkrankung zu behalten.
Orientierung an Richtlinien
Richtlinien können helfen, eine nicht-diskriminierende Wort- und Bildsprache zu entwickeln.
Unser Medium arbeitet teils mit stereotypen Darstellungsweisen, bevorzugt auf eine aufmerksamkeitsstarke, spielerische Art, die Stereotypen umdrehen kann. Entsprechend haben wir bisher keine Richtlinie gefunden, die unseren speziellen Anwendungsfall vollständig abdeckt.
Wir übernehmen Elemente aus verschiedenen Leitfäden in unseren Stereotypen-Check, orientieren uns aber bewusst nicht ausschließlich an einer einzelnen Richtlinie. Auch einzelne Richtlinien sind Teil laufender Diskussionen. Wichtig ist für uns, das eigene Tun kritisch zu betrachten und verbessern zu wollen.
Old-School-Meditricks
Die Old-School-Meditricks stammen aus unserer eigenen Lernzeit auf die Examina. Sie sind ursprünglich zum privaten Gebrauch entstanden.
Sie repräsentieren nicht den heutigen Stil und das gegenwärtige Selbstverständnis von Meditricks. Sie decken aber weitere Themen ab und erweitern den Umfang unseres Lernangebots. Ausgewählte Themen ersetzen wir langfristig durch neue Meditricks. Danach werden die alten Inhalte entfernt.
Sollten Inhalte der Old-School-Meditricks anstößig und nicht vertretbar erscheinen, bitten wir um Meldung und Begründung. Ist für uns nachvollziehbar und offensichtlich, dass gemeldete Inhalte nicht vertretbar sind, entfernen wir sie. Da Überarbeitung oder Reproduktion sehr aufwendig sein kann, stehen entfernte Inhalte der Lerngemeinschaft dann nicht mehr zur Verfügung.
Schlusswort
Lernen, achtsam zu sein.
Wir möchten mit diesem Leitfaden drei Dinge vermitteln:
- Wir bemühen uns, Diversität und Gleichberechtigung in unseren Meditricks zu thematisieren.
- Wir sind nicht perfekt und verfehlen unser Ziel manchmal. Dahinter steckt keine böswillige Absicht.
- Wir sind für Feedback offen. Bitte kontaktiere uns, wenn Dir etwas hinsichtlich Diskriminierung auffällt.
Dein Team Meditricks
